Recherche: Vincent Bruns

Statt des letzten Viertelfinales zwischen Frankreich und England gibts am Samstagabend als Kontrastprogramm eine vorweihnachtliche Risikoveranstaltung. Eine ganz ansehnliche Menge Ü50 trifft sich in der Essener Grugahalle, um einem Album zu huldigen, das auch schon fast ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat: das komplette Meisterwerk „The Lamb Lies Down On Broadway“, dargeboten von der Genesis-Coverband „The Musical Box“ (Foto oben). Bedauerlicherweise hatte ich die Original-Show damals als Teenager verpasst und hoffte insgeheim, auf diesem Wege meine nostalgische Wehmut lindern zu können. Ich wurde nicht enttäuscht. Begleitet von dezentem Licht und einer ansprechenden Dia-Show beschwört die Band mit Leidenschaft fürs Werk und zum Detail verschüttete Erinnerungen beim Zuhörer herauf. Vor allem aber schafft es Sänger Denis Gagné mit seiner Performance und einer Stimme, die dem Original Peter Gabriel oftmals beeindruckend nahe kommt, die Brücke zum Publikum zu schlagen. In den schönsten Momenten ist die Illusion geradezu perfekt, eine zweieinhalbstündige Zeitreise zu meinem 16-jährigen Ich. Höhepunkt der Show ist aber das namensgebende Monumentalstück „The Musical Box“, das in einem gewaltigen Finale endet. Wow! Bescherung für die Baby Boomer, als das Licht wieder angeht zufriedene Gesichter überall. Jetzt nichts wie nach Hause, einen Becher Pfefferminztee schlabbern und ab ins Bett.

Krass, ein Tor in der ersten Halbzeit reicht Marokko gegen Portugal zum Einzug ins Halbfinale. Historisch. Im zweiten Abschnitt war es laut Reporter Réthy „ein Spiel wie aus den Siebzigern. Hau weg die Pille.“ Geschluckt.

Quelle: DAZN

Dass die Kroaten aus einem anderen Holz geschnitzt sind als die hilf- und wehrlosen Südkoreaner zuvor, dürfte die Seleção im Matchplan berücksichtigt haben. Ungleich schwerer tut sich die brasilianische Elf dann auch und sieht sich immer wieder kroatischen Gegenangriffen ausgesetzt. Huch, das kannte Brasilien bisher noch gar nicht. Ein Nervenspiel entwickelt sich, ein einziger Fehler kann das Aus bedeuten. Für die Zuckerhütchen eine Katastrophe, Neymar hatte doch schon auf dem Hinflug nach Katar seine Shorts mit dem sechsten Stern gepostet und das gesamte Team nach dem Achtelfinale dem todkranken Fußballgott Pelé den Titel versprochen. Die Einstellung stimmt also, wären da nur nicht diese ungemütlichen Kroaten, die einfach kein Tor kassieren wollen. Und so kommt in diesem zähen Spiel, was kommen musste, Verlängerung. Es dauert bis zur 105. Minute, als sich Neymar durchs kroatische Schlüsselloch dribbelt und die Führung erzielt und mit seinem 77. Länderspieltor mit der Legende Pelé gleichzieht. Beachtlich. Nichtsdestotrotz verstehen die kroatischen Kicker keinen Spaß und versauen in der 116. Minute mit dem ersten echten Torschuss und Ausgleich die Stimmung. Penalty shootout. Und so geschieht, was niemand für möglich gehalten hätte, Brasilien verschießt zweimal und muss nach Hause. Kroatien und ihr 37-jähriger Anführer Luca Modrić stehen im Halbfinale.

Am Abend startet zwischen der Niederlande und Argentinien auch der Kampf der Generationen. Der älteste Trainer des Turniers (van Gaal) gegen den jüngsten, Lionel Scaloni. Auf dem Rasen passiert aber zunächst nichts Spektakuläres bis zur 35. Minute, als Messi einen traumhaften No-Look-Pass direkt auf den Fuß von Molina spielt, der das Leder nur noch reindrücken muss. In der zweiten Halbzeit wird dann überdeutlich, dass dieses holländische Team auch nur ganz kleine Broodjes backt, es findet keine Lücke im argentinischen Abwehrdickicht. Chancenlos. Messi erhöht per Elfmeter auf 2:0 und der Drops scheint gelutscht. Bis in der 82. Minute der Geh-Weghorst den Anschlusstreffer erzielt, und plötzlich wanken die Gouchos. Doch es kommt noch schlimmer: Mit seiner zweiten Bude in der zehnten Minute der Nachspielzeit schafft der ex-Wolfsburger auch noch den Ausgleich und erzwingt 30 Minuten Extrazeit. Eine Verlängerung des Willens und der Moral – weniger pathetisch geht nicht – und ein Elfer-Krimi, dessen Ende Argentinien tanzen lässt. Für Holland bleibt nur die Weihnachtsfeier.

Die erste WM in einem arabischen Land
Die erste WM im (europäischen) Winter
Die teuerste WM der Geschichte
Gianni Infantino verspricht die „beste WM aller Zeiten“
Nördlich der Hauptstadt Doha entsteht im Rahmen der WM mit Lusail City ein komplett neuer Stadtteil mit Stadion, Hotels, Golfplätzen und künstlicher Lagune
Eine der optisch schönsten Arenen der Welt
(Al-Janoub-Stadion in al-Wakra von Stararchitektin Zaha Hadid, s.o.)
Das Eröffnungsspiel (und erste WM-Spiel Katars überhaupt) endet vor fast leeren Rängen
Der sportlich schlechteste Gastgeber aller Zeiten (0 Punkte, 1 Tor)
In Gruppe E (mit Deutschland) fallen die meisten Tore (22)
Deutschland hat in der Vorrunde die meisten Torschüsse (66) aller Teilnehmer
Jüngster Spieler des Turniers ist der Dortmunder Youssoufa Moukoko (18 Jahre, 3 Tage)
Ältester Spieler ist der Kanadier Atiba Hutchinson (39 Jahre, 9 Monate, 23 Tage)
Wertvollster Spieler ist laut „transfermarkt.de“ Kylian Mbappé mit einem Marktwert von 160 Millionen Euro
Die Zuschauerzahlen bei ARD und ZDF sinken um mehr als 50 Prozent im Vergleich zu 2018
Mit Béla Réthy und Sandro Wagner hat das ZDF allerdings ein Team in den Stadien, das sich gegenseitig zu ungeahnten Hochleistungen anspornt
Der „Direktor Nationalmannschaften“ Oliver Bierhoff tritt nach dem WM-Aus zurück
König Salman verordnet nach dem 2:1-Sensationssieg gegen Argentinien für Saudi-Arabien einen Feiertag
Kameruns Verbandspräsident und ex-Profi Samuel Eto‘o kickt in Doha einen aufdringlichen Fan zu Boden
Hollands Bondscoach Louis van Gaal: „Ich bin 71 Jahre und sehe aus wie ein Gott.“
In einem Lotto-Laden in Wattenscheid-Höntrop lerne ich den ex-Profi Dirk Kontny (u.a. SGW 09, VfL Bochum) kennen

…Spiele, bis auch dieses Turnier vorüber ist. Und nicht der Fußball wird Katar verändert haben, sondern – laut RTL-Printmedium STERN – Katar den Fußball. Bereits jetzt werden Gedanken laut, ob sich Europa mit seinen starken Landesverbänden inklusive der Milchkuh Champions League aus der FIFA verabschieden soll und kann. So darf es jedenfalls mit dem Weltfußball nicht weiter gehen und nach der WM ist vor der WM. 48 Teams werden es in vier Jahren in Kanada/Mexiko/USA sein, man muss befürchten, dass so etwas wie Team Katar sportlich kein Ausnahmefall bleibt. Zudem mehr Spiele, mehr Werbung, mehr Geld. Und dennoch werde ich keinen Tropfen Coca-Cola mehr trinken als bisher.
Politisch gibt dieser autokratische Sportverband FIFA schon jetzt vor, was geht und was nicht. Themen wie „Gleichberechtigung von Frauen“, „Gleichstellung von Homosexuellen“ oder internationale Menschenrechte sind nicht erwünscht. Immerhin sind Banner, Fahnen, Shirts und Armbinden mit Pro-Palästina-Bekundungen erlaubt. Nicht auszudenken, wenn sich aus irgendeinem Grund Israel für dieses Turnier qualifiziert hätte, wo schon ein ebensolches Fernsehteam auf offener Straße in Doha dumm angemacht wird.
DFB-intern sind Veränderungen nötig, neue Besen sollen für frischen Wind sorgen, nur Hansi flickt weiter. Nach Bierhoffs flottem Abgang muss ein ähnlich schneller Neuanfang her, in 18 Monaten haben wir die EM im Haus. Bobic ist zu lesen, Rangnick (eigentlich immer, egal, um welchen Posten es geht) und Sammer. Sammer? Wirklich? Interesse habe er jedenfalls schon bekundet, aber „nicht für jedes Amt“, er müsse schließlich noch „regelmäßig mit dem Hund gehen“. Soll er doch.

Der erste Schock: Sami Khedira hat es in der ARD doch bis ins Achtelfinale geschafft. Das musste nicht sein. Und weit und breit kein Bommes, wenn man ihn mal braucht.

Der Abend steht im Zeichen zweier Mannschaften, die seit Jahren auf dem grünen Rasen und hohem Niveau für Aufregung und Überraschungen sorgen, Portugal und die Schweiz. Für beide wäre das Viertelfinale ein Erfolg, ich traue den Schweizern mehr zu, Portugal geht in Führung. Leider ist heute kein Yann Sommertag und die Portugiesen erhöhen mühelos auf 4:0, Endstand 6:1.
Jetzt wartet Spanien-Bezwinger Marokko im Viertelfinale.

 

In der SZ stand heute zum Thema Ego und Bedeutungshoheit eines Cristiano Ronaldo kurz und treffend, dass für einen Cristiano Ronaldo nur von Wert ist, was ein Cristiano Ronaldo über Cristiano Ronaldo denkt. Tja, so kennen wir die SZ, und Cristiano Ronaldo.
Letztes Beispiel für seine öffentlich inszenierte Selbstverliebtheit war der Versuch, ein Tor bei dieser WM für sich zu reklamieren, bei dessen Vollendung er den Ball bestenfalls im Vorbeiflug mit einer Gel-gestärkten Haarspitze gestreichelt hatte. Peinlich, aber nur eine weitere Kerbe in dem Holz, das er für die Messlatte seines Genies hält.
Bei ManU rausgeschmissen, für Portugal Auswechselkandidat, scheint es CR7 langsam zu dämmern, dass sein Stern verblasst. Saudi-Arabien ist jetzt im Gespräch, um diese seltene Karriere in die Rente zu begleiten. Sofern es Cristiano Ronaldo gefällt.

Spanien ist raus. Wer in 120 Minuten inklusive Elfmeterschießen nicht einen Ball ins Netz bringt, scheidet aus. Weil dieses Spanien einfach nicht so groß und gut ist, wie es im Vorfeld gemacht wurde. Und weil der Gegner Marokko heißt. Die Hoffnung eines ganzen Kontinents, ach was, der ganzen Fußballwelt liegt auf den Löwen vom Atlas. Wann wird es endlich ein Finale geben, in dem nicht nur Teams aus Südamerika und/oder Europa stehen?